Leseprobe zu “Schattenriss – Schattenwächter-Reihe Teil 3” von Sandra Grauer

“Schattenriss” – Der dritte Teil der Schattenwächter-Reihe

Schattenwächtersaga (c) Traumstoff

Codex Societatis Custodiorum Umbrarum

  1. Wahret das Geheimnis. Es ist Euch nicht gestattet, unwissende Menschen in das Wissen der Societatis um die Schatten einzuweihen.
  2. So Ihr um ein Eheweib werbet und die Familie der umworbenen Jungfrau Eurer Vermählung zustimmt wie auch die Jungfrau selbst einwilligt, Euch zu ehelichen, ist es Euch gestattet, Euer Geheimnis zu lüften. Einweihen dürft Ihr jedoch nur Euer zukünftig Eheweib.
  3. All Eure männlichen Nachfahren werden Euer Werk fortsetzen und ebenfalls der Societa Custodiorum Umbrarum angehören.
  4. Eure Mitgliedschaft in der Societa endet erst mit Eurem Tod.
  5. Als Custos Umbrarum ist es Eure Aufgabe, die Menschen vor den Schatten zu beschützen sowie die Schatten zu suchen, zu jagen und zu töten.
  6. Der Codex der Societatis steht über gemeinem wie auch noblem Recht.
  7. Ihr seid allein dem Rat der Custodiorum Umbrarum sowie unserem Herrn und Gott zur Rechenschaft verpflichtet.
  8. Es ist Euch untersagt, Euch und Euer Wissen mit Noblen und Mächtigen gemein zu machen.
  9. Es ist Euch untersagt, Euch mit Schattenkreaturen gemein zu machen.
  10. So ihr gegen die Regeln dieses Codex verstoßet, wird der Rat über Eure Bestrafung entscheiden. Abhängig von der Schwere Eures Vergehens vermag der Rat Euch peinlich, mit Verbannung oder dem Tode zu bestrafen.

Prolog

Sechzehn Jahre zuvor

Der Alpha-Schatten stand im Dunkeln der Mauer und betrachtete das Treiben der Schattenwächter. Es hatte fast etwas Arrogantes an sich, wie sie die brennenden Fackeln vor allen Leuten durch die Luft wirbelten. Und die jungen Menschen auf den Rängen ahnten überhaupt nicht, was sich hier direkt vor ihren Augen abspielte.
Er straffte die Schultern, als plötzlich die ersten Schatten aus dem großen Platz in der Mitte strömten. Das Portal war offen, und er würde nach über fünf Jahren das erste Mal wieder zurück in seine Welt kehren. Der Gedanke erfreute und beängstigte ihn zugleich.
Er zögerte nicht länger und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Es war nicht schwer, unbeschadet das Portal zu erreichen. Die wenigen Schattenwächter, die ihn bemerkten, waren viel zu überrascht, einen Alpha-Schatten zu sehen, als dass sie ihm hätten gefährlich werden können. Der Strudel erfasste ihn, und wenige Sekunden später befand er sich mitten in der Portalhöhle unter seinesgleichen. Freunde erkannte er keine, deshalb ging er auf das nächste Portal zu, um so schnell wie möglich in den Palast zu gelangen. Er musste mit Sheitan sprechen und ihm mitteilen, dass das Experiment misslungen war.
Ein schaler Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Er konnte nur hoffen, dass die Wahrheit nie ans Licht kommen würde.

 

Kapitel 1: Zurück

Gabriel

Gabriel verspürte das vertraute Ziehen in seiner Magengegend, das normalerweise Adrenalin durch seinen Körper pumpte. Doch dieses Mal wurde ihm davon nur übel.
Er verlor das Gleichgewicht, als er in der Portalhöhle ankam. Stolpernd landete er auf allen Vieren und würgte.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte sein Bruder, der auf einmal neben ihm kniete.
„Nichts ist in Ordnung“, schrie Gabriel heftiger, als er eigentlich wollte. „Ich muss zurück.“
Er stieß Joshua beiseite und rappelte sich auf. Das plötzliche Adrenalin, das nun doch durch seinen Körper gepumpt wurde, gab ihm neue Kraft.
„Du kannst nicht zurück“, rief Noah.
Er wollte seinen Sohn aufhalten, ebenso wie Joshua und Wilhelm, doch Gabriel riss sich los und rannte auf das Portal zu. Er prallte gegen den harten Stein und fand sich plötzlich auf dem Rücken liegend wieder. Ihm stockte der Atem, und einen Moment sah er nur Sternchen.
„Vorsichtig“, hörte er seinen Vater sagen, als er sich aufsetzen wollte.
Gabriel öffnete die Augen. Die Decken und Wände aus grauem Stein drehten sich um sich selbst, und es dauerte einige Sekunden, bis Noahs Gesicht in den Fokus rückte. Gabriel wollte ihn wegstoßen, doch ihm fehlte die Kraft. Noah drückte ihn an den Schultern sanft zurück auf den Boden.
„Ich muss zurück“, presste Gabriel hervor. „Zu Emma.“
Noah seufzte. „Das Portal ist geschlossen, und ich werde es nicht für dich öffnen. Das ist viel zu gefährlich.“
„Emma.“ Es war nur ein Flüstern. Gabriel fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und schluckte schwer. Er schmeckte Blut.
Ob sie das Portal verschlossen hatte? Zutrauen würde er es ihr.
„Was nun?“, fragte Joshua. Er trat ebenfalls in Gabriels Sichtfeld.
„Wir sollten erst einmal nach Hause“, sagte Wilhelm. Bevor Gabriel protestieren konnte, fuhr er fort: „Ich weiß, ich lasse Emmalyn auch nur ungern alleine zurück, aber im Moment geht es nicht anders. Wir sind alle schwach und brauchen ärztliche Versorgung. Und wir sollten uns einen Plan zurechtlegen, bevor wir zurückkehren.“
„Aber können wir Emma wirklich alleine lassen?“, fragte Joshua. „Sie würde das bestimmt nicht tun.“
Einen Moment breitete sich Schweigen zwischen den Männern aus. Es war schließlich Noah, der sagte: „So schwer es ist, Emmalyn zurückzulassen, es geht nicht anders. Wir helfen ihr nicht, wenn wir zurück in die Schattenwelt gehen und dort getötet werden. Und vorerst wird sie sicher sein, so paradox das klingt. Sie ist die neue Schattenkönigin.“
Mühsam setzte Gabriel sich auf. Er stöhnte, als ein Schmerz durch seinen Rücken fuhr. Müde rieb er sich mit den Händen übers Gesicht und entdeckte Blut an seinen Fingern. Offensichtlich hatte er sich bei dem Aufprall eine Platzwunde geholt.
„Kannst du aufstehen?“, fragte Noah.
„Geht schon“, murmelte Gabriel.
Sein Vater und sein Bruder halfen ihm, und Gabriel musste sich widerwillig eingestehen, dass er Emma jetzt gerade wirklich keine große Hilfe sein würde. Er stützte sich auf Joshuas Schulter und humpelte mit ihm zum Portalausgang, über dem Heidelberg, Deutschland stand. Der Kampf gegen den König hatte ihm mehr zugesetzt, als er sich eingestehen wollte. Und der Aufprall hatte ihm den Rest gegeben. Er war ausgelaugt und müde.
Aber er würde zurückkommen, wenn er erst einmal neue Kraft geschöpft hatte. Unter keinen Umständen würde er Emma in den Fängen von Sheitan lassen.
Bevor er mit seinem Bruder durch das Portal zur Thingstätte trat, drehte er sich noch einmal um. Wenn er Emma doch wenigstens noch hätte sagen können, dass er sie liebte und sie nicht im Stich lassen würde. Er würde alle Hebel in Bewegung setzen, um sie zurückzuholen. Und wenn es das Letzte war, was er tat.

Fortsetzung folgt im Roman
“Schattenriss” von Sandra Grauer 😀